Illustration KI-generiert
Das Du im Festzelt gilt auch am Montag
Erinnerst du dich an den Moment, in dem du an einem Biertisch jemanden begrüßt hast, während hinter dir die Kapelle spielte? Man versteht sein eigenes Wort nicht – und trotzdem entscheiden genau diese zwei Minuten, wie der Rest des Abends läuft.
Am 19. September wird in München angezapft, und danach werden in den Festzelten gut zwei Wochen lang nicht nur Maßkrüge geleert, sondern Termine wahrgenommen. Reservierte Tische, eingeladene Kunden, mitgebrachte Kollegen: Für viele Inhaber und Geschäftsführer ist die Wiesn ein Geschäftsessen im Kostüm eines Volksfests – mit dem Unterschied, dass am Tisch niemand mehr so recht weiß, welche Regeln hier eigentlich noch gelten.
Sie gelten alle, sie sind nur lauter geworden. Vorgestellt wird auch im Zelt von unten nach oben: Der Gast hat Vorrang, er erfährt also zuerst, wen er da vor sich hat, und der eigene Projektleiter kommt danach. Weil der Name im Lärm ohnehin halb untergeht, sagst du ihn langsamer und einmal öfter, als es dir angenehm ist. Das Anstoßen ist dabei keine Nettigkeit, sondern die eigentliche Begrüßung: Krug an Krug am dicken Bauch, nie am Rand, und dabei in die Augen sehen – wer beim Prosit an seinem Gegenüber vorbeischaut, hat es gerade übersehen. Der heikelste Moment kommt aber später, meist bei der zweiten Maß, wenn jemand das Du anbietet: Anbieten darf es weiterhin nur die ranghöhere Seite, also der Kunde – und ein Wiesn-Du, das um Mitternacht wieder abläuft, gibt es nicht.
Nimm den Geschäftsführer, der zehn Kunden eingeladen hat und dem Einkaufsleiter gegen acht das Du anbietet, weil die Stimmung gerade so gut ist. Am Montag sitzt derselbe Mann in der Preisverhandlung, und bevor über die erste Zahl gesprochen wird, klärt der Raum erst einmal, ob man sich jetzt duzt. Was im Zelt Nähe war, ist im Besprechungsraum eine offene Frage.
Wem würdest du das Du im Festzelt anbieten, wenn du wüsstest, dass du es am Montagmorgen im Verhandlungstermin noch einmal aussprechen musst?
Quelle: 30 Jahre Coaching-Praxis, Uwe Klenner.
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