Uwe KlennerDer Kompetent-Macher

← Alle Blog-Themen

Vor einer durchgehend warm goldenen Wand sitzt links eine dunkle Silhouette in Geschäftskleidung an einem kleinen Tisch, die Stirn in die aufgestützte Hand gelegt und die andere Hand flach auf der leeren Tischplatte, während rechts in großem Abstand eine zweite Silhouette aufrecht und ihr zugewandt wartet.

Illustration KI-generiert

Dein Schweigen wird gelesen

· 2 Min. Lesezeit

„Ich melde mich, sobald ich etwas Vernünftiges dazu sagen kann.“ Den Satz hast du dir selbst gesagt, du hast ihn ernst gemeint – und inzwischen liegt die Nachricht seit drei Wochen da.

Sophia Li, Coral Zheng und Juliana Schroeder von den Business Schools in Berkeley und Cambridge haben vor drei Tagen im Personality and Social Psychology Bulletin nachgemessen, was in dieser Lage beim anderen ankommt. Die Forschung hat bisher vor allem untersucht, wie weh es tut, keine Antwort zu bekommen; die drei haben sich die andere Seite angesehen, das Ghosting aus der Sicht dessen, der schweigt. In drei Studien – 195 Menschen erinnerten sich an einen echten Fall, 601 versetzten sich in einen hinein, 350 erlebten es in einem laufenden Gespräch – kam dasselbe heraus: Wer auf eine Antwort wartet, unterschätzt, wie schlecht sich der andere dabei fühlt. Und diese Fehleinschätzung fällt am größten aus, wenn das Schweigen gar nicht beabsichtigt war.

Das gehört in die Auftritt-Phase, in den Teil von ihr, den niemand übt. Wir arbeiten daran, wie wir wirken, während wir im Raum sind, und übersehen, dass die Wirkung weiterläuft, wenn wir es nicht sind. Dein schlechtes Gewissen ist dabei vollständig unsichtbar; der andere hat nur die Stille. Und was jemand nicht sehen kann, ersetzt er durch die einfachste verfügbare Erklärung – die selten die freundliche ist. Bitter daran ist, dass ausgerechnet der Fall, mit dem du dich verteidigen würdest, der schlechteste ist: Du wolltest ja, du bist nur nicht dazu gekommen. Von außen sieht „konnte nicht“ genauso aus wie „wollte nicht“.

Denk an die Anfrage, für die dir noch zwei Zahlen fehlen. Oder an den Bewerber, dem du absagen musst und dem du es anständig schreiben willst, wenn du mal Ruhe dafür hast. Genau hier haben die Forscher etwas gefunden, das nichts kostet: Ging statt der Stille eine kurze Rückmeldung raus – im Versuch genügte sinngemäß „Sorry, ich kann gerade nicht“ –, fiel die Fehleinschätzung kleiner aus. Das ist kein Angebot, keine Absage und keine Erklärung. Das sind zwei Zeilen mit einem Datum darin: „Ihre Anfrage liegt bei mir, ich melde mich am Donnerstag.“

Welche Nachricht liegt bei dir gerade so lange, dass dir das Antworten inzwischen unangenehmer ist als das Schweigen?

Quelle: Li, Zheng & Schroeder, Studie zum Nichtantworten in Gesprächen, Personality and Social Psychology Bulletin, 2026.

Quelle: Li, Zheng & Schroeder, Studie zum Nichtantworten in Gesprächen, Personality and Social Psychology Bulletin, 2026.